Meine Raucherkarriere begann, wie viele andere auch, in Jugendzeiten. Sylt, Hörnum, Fünf-Städte-Heim, Elmshorner Roulette.
Kennt Ihr noch diese bunten Knallteppiche, die man Silvester gerne anzündet ? Genau die ! Einzelteile davon hatten die verniedlichende Bezeichnung “Piepmanscher”, jedenfalls bei uns Jugendlichen. Und sie passten einzeln so schön in eine selbstgedrehte Zigarette; mal weiter vorn, mal weiter hinten. Beim Elmshorner Roulette hatte dann derjenige verloren, bei dem der “Piepmanscher” knallte. Dann zahlte man eine D-Mark in “den” Topf, aus dem dann wieder Zigaretten und Getränke gekauft wurden.
So war das damals: Man wollte dazugehören, Spaß haben. Und ja: ICH gehörte dazu, hatte Spaß und war natürlich mega-cool… …mit 15 Jahren.
Gut, Elmshorner Roulette wurde jetzt nicht rund um die Uhr gespielt, aber Zigaretten wurden als Zeichen der Coolness geraucht, nicht des Geschmackes wegen; versteckt, versteht sich, so dass kein Nachbar oder Erwachsener uns dabei sehen konnte. Das hätte sonst mörderischen Ärger mit den Alten gegeben…
Später gehörte das Rauchen eben dazu, mit 18 Jahren dann ja auch “legal” und in aller Öffentlichkeit. Billig war’s ja auch: 2 D-Mark für 20 Zigaretten. Cool. Männlich. Die Fluppe so zwischen den Lippen, ziehen ohne die Zigarette anzufassen.
Irgendwann dachte man nicht mehr darüber nach, ob Rauchen cool sei. Nein, man tat es einfach, so wie Atmen, Essen oder Trinken.
Meinen Sport beeinträchtigte das nicht; viele meiner Mannschaftskameraden rauchten, eigentlich fast alle, wenn ich so darüber nachdenke. Die Nichtraucher waren in der Minderheit. In den Halbzeitpausen flitzten wir schnell aus der Halle, zum Eingang, “schnell eine rauchen”. Anschliessend wieder zurück zum Spiel: sprinten, abrackern, alles kein Problem. Nach einigen Jahren fing es beim Sprinten aber doch ein kleines Bißchen an in der Lunge zu rasseln, nicht doll, nicht schlimm, aber eben schon ein wenig spürbar. Das war für mich der Grund endlich von den stärksten Filterzigaretten, die es damals gab, auf leichtere umzusteigen, mit weniger Nikotin und weniger Kondensat. Es dauerte aber eine ganze Weile, bis mir diese leichten “Fluppen” genauso stark vorkamen wie die stärkeren. Und das Lungenrasseln beim Sport war vorbei. Alles war gut.
Damals qualmte ich auch überall, wo’s nur eben möglich war. Man durfte ja früher auch noch fast überall rauchen: in Restaurants, im Kino, in Foyers von Sporthallen. Das war natürlich sehr praktisch. Zuhause rauchte ich entsprechend auch überall: im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer, in der Küche, ja sogar in der Badewanne. Irgendwann stellte ich aber mit Erschrecken fest, das die Nikotinablagerungen echt schlimm aussahen und eine Wohnungsrenovierung arbeitsmäßig in keiner Relation zum schnellen Genuss einer Zigarette stand. Und die Renovierung war das eine, das Reinigen meines Computers, meiner Ordner, meiner Wandbilder, das andere. Lästig. Blöd. Aufwändig.
Und da ich ja nun von Natur aus ein Mensch bin, der eher versucht, unnötige Arbeiten zu vermeiden, beschloss ich, nicht mehr in der ganzen Wohnung zu rauchen, sondern nur noch im Arbeitszimmer. Dort stand mein Computer. Dort verbrachte ich Stunden, sei es beruflich, sei es privat. Und somit gab es nur noch ein Zimmer, das renoviert werden musste. Cool. Auf Geburtstagen mussten nun alle (rauchenden) Gäste ins Arbeitszimmer “rübermachen”, aber niemand beschwerte sich, niemand nahm mir das krumm, alle verstanden meine Beweggründe. Diese Massnahme war ja auch nicht gegen das Rauchen gerichtet, sondern einzig als renovierungsvermeidende Maßnahme gedacht. Und dafür hatte jeder Verständnis.
Da nun aber ja vermehrt im Arbeitszimmer geraucht wurde, vergilbte dieses Zimmer auch entsprechend schnell und stark, alle darin enthaltenden Gegenstände und Gerätschaften gleich mit. Mein Computer war plötzlich nicht mehr beige, sondern gelb, mein reflektierender Computer-Monitor war wie von Zauberhand plötzlich “entspiegelt”. Mann, war das Scheiße ! Nach einiger Zeit konnte ich das einfach nicht mehr ertragen, diesen Gilb, dieses Kleben, dieses Aussehen ! Als ich mir dann ohnehin einen neuen Computer zulegen wollte, fiel mir die Entscheidung, auch im Arbeitszimmer nicht mehr zu rauchen, sondern nur noch draußen, extrem leicht. Das Arbeitszimmer grenzte ja an den überdachten Balkon. Abends am Computer, während des Spielens mit Freunden, war alles ganz einfach: Fenster komplett aufgemacht, kurz den Arsch über die Fensterbank geschwungen und Voilà: Willkommen Zigarette ! Good-Bye Renovierung !
Auf Geburtstagen und anderen gesellschaftlich wichtigen Veranstaltungen innerhalb meiner vier Wände durfte dann auch nicht mehr drinnen geraucht werden, aber auch das nahm mir komischerweise niemand übel. Cool ! Rauchen ja, aber eben drinnen nicht ! Im Winter und bei Regen war das zwar ungemütlich, aber ich wollte ja auch nicht auf dem Balkon übernachten. Bei ganz fiesem Wetter überlegte ich mir dann eben genau, ob ich mir das antun wollte oder eben nicht. Der Balkon war zwar überdacht, aber bei norddeutschem Schiet-Wetter eben nicht gerade kuschelig.
Ich denke, dass das Verlagern des Rauchens nach Draußen der Grund dafür sein dürfte, dass ich nie mehr als 15 Zigaretten am Tag geraucht habe; leichte mit wenig Nikotin und wenig Kondensat. Gut, auf Parties habe ich dann auch mal mehr gequalmt, aber im Schnitt war es immer weniger als eine Schachtel pro Tag. Trotzdem machten sich relativ schnell die Preissteigerungen aufgrund der Tabaksteuererhöhungen bemerkbar: von ursprünglich 2 D-Mark mit teilweise über 20 Zigaretten pro Schachtel bis heute auf über 5 Euro für teilweise nur noch 16 Zigaretten pro Box.
Eigentlich habe ich mir nie so wirklich Gedanken über meine Gesundheit gemacht, eher über das viele Geld, das ich im Laufe meiner Raucherkarriere in die Atmosphäre geblasen habe. Natürlich wusste ich immer, dass Rauchen schädlich ist, insbesondere, wenn man 33 Jahre geraucht hat… Und ja ! Natürlich kenne ich die Bilder von Raucherlungen und offenen Beinen ! Trotzdem war das Rauchen für mich in erster Linie teuer, erst in zweiter Linie ungesund. Und in letzter Zeit auch schwieriger, weil fast Rauchen mittlerweile fast überall geächtet, sprich: verboten, ist: in öffentlichen Einrichtungen, in der Firma, in Restaurants, in Kneipen, im Kino… Keine Zigarette mehr “danach” oder “dazu”: nicht direkt nach dem Essen am Tisch, nicht nach dem Kino im Foyer, nicht zum Kaffee im Lokal.
Wie es der Zufall so wollte, zog ich mit meiner Frau in eine wunderschöne Wohnung mit großer Dachterrasse; leider kein Stück überdacht, auch der Türeingang nicht. Das hatte zur Folge, dass es bei Herbst- oder Schneestürmen schon manches Mal passierte, dass ich einen Tag mal nicht rauchte oder aber auch nur extrem wenig: 2 oder 3 Zigaretten, hastig “durchgezogen” und dann auch nur 2 oder 3 Züge…
Tja, und dann zog ich das große Los ! Meine Frau bekam eine Anstellung bei einem großen Zigarettenkonzern und Mitarbeiterzigaretten gab es kostenlos ! 3 Stangen pro Monat ! Mehr Zigaretten als ich pro Monat zum Glücklichsein brauchte ! Zum Null-Tarif ! Und ich hatte so viel mehr Geld pro Monat im Portemonnaie ! Der Himmel auf Erden ! Das wahrgewordene Raucher-Paradies !
…bis meine Frau eines Tages den Job wechselte…
Wie viele Zigaretten habe ich noch ? Wie lange komme ich damit noch aus ? Will ich wirklich wieder über 5 Euro pro Schachtel zahlen ? Will ich wirklich wieder weniger Geld in der Tasche haben, weil ich rauche ? Was mache ich jetzt ? Fragen, auf die ich eine Antwort suchte, suchen musste.
Die Fakten zu diesem Zeitpunkt:
- ich bin kein Kettenraucher
- ich komme Stunden, notfalls auch länger ohne Zigarette aus ohne zum Werwolf zu werden
- bei schlechtem Wetter verkneife ich mir das Rauchen doch auch
- ich möchte kein Geld mehr dafür ausgeben
- gesund ist Rauchen ja auch nicht wirklich
- meine Frau möchte mich vielleicht ja auch mal küssen, ohne dass ich nach einem alten Aschenbecher rieche
- noch habe ich keine Probleme durch das Rauchen, keine Durchblutungstörungen, keine offenen Beine…
Tja, so gesehen, sollte ich jetzt die Zigaretten aufrauchen, die ich noch habe und gut ist’s. Ende. Basta. Nägel mit Köpfen machen. Endlich aufhören. Solange es gesundheitlich auch noch nicht zu spät ist. Ich werde ja auch nicht jünger. Keine Ausreden mehr suchen, warum es gerade jetzt mit dem Aufhören nicht passt. OK ! Höre ich also auf ! Wirklich !
Meine Frau fragt mich, ob ich das denn auch wirklich wolle. Ja, klar. Ist doch scheiß-teuer ! Und ich wollte es doch schon immer…
Ob ich das denn auch wirklich schaffen würde ? Klaro ! Wenn ich es will ?!?! Wird nicht einfach, aber ja, ich will es ! Nicht wegen der Nikotin-Abhängigkeit, sondern wegen der damit verbundenen Rituale, die man aufgeben muss: TV-Werbepause ? Super. Schnell mal eine Zigarette geholt, an der Dachterassentür angezündet und auf dem Handy Nachrichten und eMails gelesen. Lange Autofahrt beendet ? Dann erstmal kurz eine Zigarette rauchen. Gut gegessen ? Die Zigarette danach ist so schön. Muss man die Zigarette danach denn wirklich haben ? Wahrscheinlich nicht. Ich glaube eher, dass es sich dabei um ein liebgewonnenes Ritual handelt. Eine Gewohnheit. Ein (tückischer) Automatismus. Ein Laster. Schwer wieder loszuwerden dieses Biest.
Die Zigaretten werden täglich weniger. Meine Frau fragt mich immer wieder mal, ob ich “es” denn auch wirklich schaffen werde. Klar schaffe ich das ! Ich will es ja ! Aber bitte, liebste Gattin, nicht permanent fragen, wie es mir geht, ob es mir gut geht, wie ich “drauf” bin. Keine Fragen bitte. Nicht fragen, ob mir die Zigarette fehlt oder ob ich schon “was” merke, ok ? Bitte nicht solche Fragen stellen. Einfach weitermachen im Leben, so, als wäre alles beim Alten, als würde ich noch rauchen. Wenn es soweit ist. OK ?
Am Sonntag, den 13.11.2011 ist es dann so weit. Mitternacht. Nächsten Tag muss ich wieder arbeiten. Jetzt noch schnell eine Zigarette vor dem Zubettgehen rauchen und dabei die letzten News lesen: Spiegel Online, Heise News. Mein Ritual. Habe noch vier Zigaretten neben der, die ich gerade rauche. Rauche ich die restlichen Zigaretten morgen noch ? Oder werfe ich sie einfach weg ? Oder behalte ich sie als Mahnung oder als Zeugnis, dass ich es geschafft habe, mit dem Rauchen aufzuhören ? Ich werde sie behalten und nicht mehr rauchen. Punkt. Gute Nacht.
Am nächsten Tag, am Montag, geht alles klar. Niemandem fällt auf, dass ich nicht rauche.
Am Dienstag fällt es wieder niemandem auf, dass ich mir keine Zigarette anstecke. Wunderbar, dann spricht mich auch niemand darauf an. Wie gerne hätte ich aber doch eine Zigarette geraucht. So wie immer, mit den Kollegen, vor meinem Bürofenster Dienstgespräche haltend. Nach Feierabend leide ich schon mehr; würde einerseits gerne rauchen, will es andererseits auch nicht. Nein ! Ich halte durch ! Ich will durchhalten !
Am Mittwoch wird’s schlimm. Sehr schlimm für meine Verhältnisse ! Nicht, dass ich die Wände hochlaufe, aber ich würde jetzt sooooooooooo gerne eine Zigarette rauchen. Ich denke alle paar Minuten daran, wie es wäre… Aber ich bin ja ein harter Kerl ! Ich schaffe das ! Ich schaffe alles, was ich mir vornehme ! Ich halte das durch !
Am Donnerstag ist das Gröbste überstanden: Ich denke nicht mehr permanent daran, wie es wäre, mir eine Zigarette anzuzünden. Die Lage entspannt sich, die Entzugserscheinungen ebben ab. Die Kollegen fragen, ob ich nicht mehr rauche…
Jetzt bin ich die dritte Woche “clean” und ich will unter keinen Umständen rückfällig werden. Die vier Zigaretten habe ich noch. Der Aschenbecher auf der Dachterrasse ist immer noch voll. Symbole. Ich werde diese am kommenden Wochenende entsorgen. Endgültig.
Ich schaffe es ! Ich will es schaffen ! Alleine schon, um diese Zeilen hier nicht zur Makulatur verkommen zu lassen.
Aber niemals werde ich so ein blöder, militanter Nichtraucher, versprochen !!!
Fred
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